Hand aufs Herz: Am wohlsten fühlen wir uns doch da, wo es gemütlich ist. Wo es „menschelt“, wo es informell und ganz leger zugeht, wo wir sein können, wie wir sind. Ohne Jackett, Schlips oder High Heels. Wo bei Musik und einem Bier im Stehen das „Sie“ zum „Du“ wird. Aber passt eine urige Kneipe auch in ein Vier-Sterme-Superior-Hotel? Im Romantik Hotel Schloss Rheinfels in St. Goar funktioniert das Konzept – seit gut zehn Jahren ist „De Backes“ der angesagte Treffpunkt für Gäste, Nachbarn und Nachtschwärmer. Jetzt gibt es dort einen Wechsel hinter dem Tresen.                

Wirklich planen kann man eine gut laufende Kneipe nicht. Das weiß auch „Hotelier-Urgestein“ Gerd Ripp, Eigentümer des Romantik Hotel Schloss Rheinfels: „Dazu bedarf es einer ganzen Reihe von glücklichen Umständen.“ So verwundert es auch nicht, dass „De Backes“ ursprünglich eine Schau-Konditorei in seinem höchst anspruchsvollen Hotel gegenüber der Loreley werden sollte. Daran erinnern heute nur noch der Name, viele historisch-urige Bäckerei-Utensilien und ein alter Backofen – hinter dessen Türen sich jedoch ein moderner TV-Bildschirm versteckt. „Niemand konnte damals ahnen, dass sich ‚De Backes’ als Kneipe zu einer Erfolgs-Story entwickeln würde – es ist einfach passiert“, freut sich Ripp. „Viele unserer Gäste fragen direkt nach dem Essen im Restaurant, ob ‚er’ denn schon geöffnet hat. Sie können es kaum erwarten, sich dort zu vergnügen und einen entspannten Abend – der durchaus auch bis in die frühen Morgenstunden dauern kann – mit Kollegen oder Freunden bei Musik, Bier, einer Zigarette und Bergen von Erdnüssen (die Schalen landen natürlich auf dem Holzboden) zu verbringen.“ Zum Konzept gehört auch, dass es kein Rauchverbot gibt – ein Deckenpropeller, angetrieben von einem antiken Mahlwerk, sorgt für Frischluft.

Ohne Wirtin mit Herzblut keine Atmosphäre

Auguste Manke und Christine Melis

Zu den erwähnten „glücklichen Umständen“ gehört zweifelsohne eine Wirtin, die ihren Job „nicht als Job sieht, sondern ihn aus Überzeugung und von ganzem Herzen lebt“, so Ripp weiter. Für zehn Jahre hieß die Wirtin im „De Backes“ Auguste Manke – den Gästen weitaus besser als „Gustl“ bekannt. „Ein Glücksgriff für uns, denn sie hat dem ‚Backes’ erst Leben eingehaucht, ein Gesicht gegeben und ihn zu dem Ort gemacht, wo das eigentliche Herz des Hotels schlägt.“ Jetzt verabschiedet sich die 67-jährige Wirtin in den wohlverdienten Ruhestand und übergibt das „Backes-Zepter“ an Christine Melis (53), die zuvor eine nicht minder kultige Kneipe in Pfalzfeld nahe St. Goar führte. Ripp: „Eine Institution – hoch geschätzt bei Gästen und Mitarbeitern – verlässt uns. Wir danken ihr von Herzen und sind zugleich sicher, mit Christine Melis eine würdige Nachfolgerin gefunden zu haben.“ „Gustl“ wird ihrem „Backes“ aber auch künftig noch treu bleiben und mindestens einmal in der Woche hinter dem Tresen stehen – oder als Gast besuchen.

Das Konzept der „kleinen Kneipe“ im Sterne-Hotel kann funktionieren

Nur wenige große oder renommierte Hotels schaffen es, eine populäre Kneipe in ihrem Haus zu etablieren, die tatsächlich Charakter hat, die lebt und regelmäßig von Gästen besucht wird. „Darauf, dass dieses Konzept bei uns erfolgreich aufgegangen ist, sind wir sehr stolz“, so der Rheinfels-Chef. „Eine kleine Kneipe in einem Sterne-Haus kann funktionieren, wenn die richtige Persönlichkeit – kontinuierlich – am Zapfhahn steht, die so etwas wie Vertrauen aufbaut und nicht wechselndes Aushilfspersonal, das letztlich anonym bleibt. Wenn das Ambiente überzeugend ist und nicht von einem Innenarchitekten bis ins Detail geplant wurde, und wenn die Getränkepreise moderat sind.“ Insbesondere auch der letzte Punkt ist Ripp wichtig: „Nur so kommen auch Gäste von außerhalb des Hotels und sorgen für eben die Atmosphäre, die die Menschen am Abend suchen. Auch in einem Sterne-Hotel.“