In Zeiten von zahllosen TV-Castingshows, in denen Stimmen, Models von morgen, Tanztalente und anderes mehr gesucht werden, wo es nur um den schnellen Erfolg und den vermeintlich ebenso schnellen Ruhm geht, haben es die klassischen Talentschmieden zunehmend schwer: die Vereine. Ist es für Kinder, Teenager und Jugendliche heute noch „cool“, die Freizeit beispielsweise in einem Chor zu verbringen? Kaum ein Gesangsverein, der nicht über Nachwuchsprobleme klagt… Und doch gibt es sie noch, die Jugend-Chöre, wo die Kunst des Singens von der Pieke auf gelehrt und erfolgreich praktiziert wird. So bei den Jungen Chören München – Münchner Chorbuben, die in diesem Jahr ihr 65. Jubiläum feiern.       

Es ist Dienstagnachmittag. Im Jugendhaus St. Bonifaz in München/Maxvorstadt steht Bernhard Reimann vor einer rund drei Fußballmannschaften großen Gruppe von Buben und jungen Männern zwischen sieben und 23 Jahren. „Wir machen das noch mal; dann aber bitte mit mehr Forte und mehr Tiefgang. Und niemand fällt aus dem Rahmen – ihr müsst eins sein! Das hier ist Teamsport, Einzelkämpfer könnt ihr später werden!“ Seine Stimme ist durchaus streng. Als er die Tasten des Klaviers anschlägt, tun die jungen Kehlen, was von ihnen verlangt wurde.

Sieht so ein Hobby, sieht so Spaß und freiwillige Beschäftigung für Jungs aus, deren Altersgenossen eher am Rechner beim Online-Gamen anzutreffen sind? „Erfolg braucht Disziplin – und die ist mit diversen Tugenden verbunden“, sagt Bernhard Reimann, der seit 1983 als Leiter der Jungen Chöre München tätig ist, dort zuvor selbst Sänger war und ein Doppelstudium für Musiklehrer und Kirchenmusik absolvierte. „Das war schon immer so und es wird immer so bleiben.“ Und der Erfolg gibt ihm und seinen Schützlingen recht: Seit der Gründung des Chores absolvierten die jungen Künstler und Künstlerinnen – seit 1996 gibt es neben den Münchner Chorbuben auch die Münchner Chormädchen – mehr als 3500 Konzertauftritte, 149 Konzertreisen auf vier Kontinenten, sangen vor Päpsten, 1992 sogar mit Michael Jackson und auch verschiedene TV-Auftritte wurden mit Bravour gemeistert

Der Beginn einer Erfolgs-Story: „Jetzt sind wir’n Chor!“

Bis zum Jahre 1952 gab es in München keinen repräsentativen Knabenchor. Um diese Lücke im Münchner Musikleben auszufüllen, gründete Fritz Rothschuh zusammen mit seiner Frau am 7. März 1952 „Die Münchner Chorbuben“ – die Kirche „Königin des Friedens“ stellte ihren Pfarrsaal kostenlos als Probenraum zur Verfügung. Aus deren Pfarrjugend kommen dann auch die ersten Tenöre und Bässe, am 10. März nimmt Rothschuh die Arbeit mit etwa 40 Buben auf. Schon damals galten strenge Regeln: Der Chor-Direktor stellt sich sämtlichen „Choreltern“ bei Hausbesuchen vor und weist nachdrücklich darauf hin, dass neben der musikalischen Begabung der Buben deren Treue zum Chor und Disziplin die wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Aufbau der „Münchner Chorbuben“ sind. Als wenige Monate später bei einer Maiandacht der Chor mit einem geistlichen Programm erstmals öffentlich zu hören ist, ist das Publikum überrascht und begeistert: Chordisziplin und gute Aussprache werden besonders gelobt. Nach der Andacht, noch oben auf der Orgelempore, rief ein kleiner Chor-Bub zum Dirigenten: „Jetzt sind wir´n Chor!“

Alle müssen mitspielen – auch die Eltern

Ein Jahr später geht es mit einem bereits beachtlichen Repertoire zur ersten Konzertreise nach Italien – dem Auftakt für eine bis heute gelebten Tradition: Die Münchner Chorbuben – seit 2011 zusammen mit den Münchner Chormädchen in der Dachorganisation „Junge Chöre München“ integriert – pflegen inzwischen Kontakte zu anderen Chören in aller Welt. Nicht ohne Stolz verweist Reimann auf das erstklassige Image des Chores, der gerne auch als „die Botschafter der Stadt München“ bezeichnet wird. „So etwas fällt nicht vom Himmel, sondern ist mit Fleiß, Ordnung, Zuverlässigkeit, Zielstrebsamkeit, aber auch Leidenschaft, Respekt, Solidarität und der Einhaltung von Spielregeln verbunden“, sagt er. „Wir haben aktuell 105 Mitglieder, davon etwa 55 aktive Sänger/innen im Alter zwischen neun und 22 Jahren im Auftrittschor; weitere Kinder befinden sich in Ausbildungsgruppen. Seit 1998 bieten wir zudem eine musikalische Früherziehung sowie eine Nachmittagsbetreuung an, auch gibt es einen individuellen Stimmbildungsunterricht für jeden A-Chor-Sänger sowie teilweise Instrumentalunterricht. Um das alles am Laufen zu halten, müssen alle mitspielen. Auch die Eltern. Die müssen ihre Kleinen unterstützen, auch mit Zeit und Engagement. Insbesondere im Rahmen der für uns so wichtigen Konzertreisen und Tourneen ist das Grundvoraussetzung.“

Es geht auch um die Bewahrung unserer Traditionen und unserer Kultur

Dass Entbehrungen sich aber lohnen, davon ist Reimann überzeugt. Seit nunmehr 65 Jahren belegen das die internationalen Erfolge der Jungen Chöre München. Und er sieht für seinen Chor eine ebenso erfolgreiche Zukunft: Die ersten Kinder von ehemaligen Sängern und Sängerinnen hat er bereits im Chor begrüßt. „Letztlich geht es ja auch um die Bewahrung unserer Traditionen und unserer Kultur. Die Arbeit macht mir großen Spaß, sonst könnte ich das auch nicht tun. Und die Freude der Kinder gibt mir Kraft und Motivation.“ Bernhard Reimann und seine Frau Judith, die dem Chor als Geschäftsführerin dient, werden sich auch weiterhin für ihren Chor einsetzen, um Sponsoren kämpfen und für Nachwuchs werben: „In fünf Jahren feiern die Münchner Chorbuben ihren 70. Geburtstag und bis dahin möchten wir noch diverse Projekte realisieren. Für den Chor, die Stadt München und zur Erhaltung unserer Kunst und Kultur – jenseits von Casting-Shows.“